40 Jahre, das ist ja ein halbes Leben!

Liebe Freunde, Kunden und Mitarbeiter!

Haben wir Euch schon mal erzählt, wem wir es zu verdanken haben, dass wir überhaupt Brot backen? Das war unser toller Arzt, Dr. Michael Dohmeyer. Er hatte die Idee und sorgte auch dafür, dass wir eine Untermieter-Backstube bekamen. Auch unser Pfarrer, Dr. Oldman und die Waldorf-Kindergärtnerin, Liselotte Hennig rieten uns dazu, Brot zu backen. Ja, so hat das alles angefangen, vor nun schon mal stolzen 40 Jahren.

Sofort haben wir dies damals als „Auftrag“ erkannt und in Darmstadt, im Demeter-Forschungslabor bei Frau Pokorny, das Brotbacken mit dem Backferment von Hugo Erbe erlernt. Ich kann mich so gut daran erinnern, wie Frau Pokorny zu uns sagte: „…wenn Ihr dieses Brot so backt, wie ich es Euch gezeigt habe, dann backt Ihr das beste Brot in Berlin!…“

Wir waren uns sowas von sicher, als wir unser erstes Brot gebacken haben, dass es ganz, ganz schnell angenommen wird. Meine Mama war sehr skeptisch und traute sich nicht mal, uns das Startkapital von ca. 3.500.- DM für 800 kg Demeter Roggen vom Bauckhof und für eine Irus Futter-Steinmühle vorzuschießen!

Aber aufhalten ließen wir uns dadurch nicht. Wir erzählten allen Bekannten von unserem Vorhaben und aus ganz unerwarteter Quelle flatterte ein Scheck von 8.000.-DM uns zu. Das noch uns unbekannte Elternpaar aus Yvonnes Waldorfkindergarten-Gruppe hatte den Mut und das Vertrauen unserer Vision vom besten Brot in Berlin auf die Sprünge zu helfen! Wir sind Ihnen auf ewig dankbar!

Nun konnten wir endlich loslegen! Mit dem geliehenen Bulli, von den neuen Freunden, fuhren wir nach „Westdeutschland“ auf den Bauckhof in Stütensen und holten uns unser erstes Demeter-Getreide selber ab. An der Grenze, die wir passieren mussten (damals gab es noch die DDR und die Bundesrepublik) hatten wir beide Male Glück, denn keiner fragte nach der Ladung!

Die Futtermühle von der Irus AG kam per Spedition pünktlich an und mit ein paar Garkörbchen und Brotbatterien (das sind 4 Kästen zusammen) von der Bäko gekauft, ging es nun zur Untermiete in Spandau in Nachtarbeit los.

Das Schwierigste war eigentlich, jedes Mal alles wieder piekfein sauber zu machen. Die Mühle staubte kräftig, das könnt Ihr Euch gar nicht vorstellen! Und Herr Kurz, unser Vermieter, war da sehr pingelig. Er hatte am Nachmittag seine Torten herzustellen und da durfte kein Stäubchen liegen! Ach, das war schon manches Mal sehr mühsam mit ihm.

Es ging auch nicht lange gut mit uns dreien! Im Keller lagerten unsere 50-kg-Säcke mit dem Bauckgetreide, das wir dort täglich vermahlen mussten. Und auf dieser Kellertreppe ist dann die Hoffnung beinahe gestorben, weil Herr Kurz mit seiner dunkelblauen Hose den kleinsten Staub beanstandete!

Die Erlösung brachte uns ein Hausbesitzer in Zehlendorf. Er wollte uns die kleine Bäckerei in seinem neu erworbenen Haus anbieten! Nun waren dort aber noch die Bäckersleute, die schon sehr alt und krank waren, zu überzeugen in ihren verdienten Ruhestand zu gehen.

Da wir schon bald stadtbekannt waren und wir die Handwerkskammer nun auch von uns überzeugen konnten, war es mühelos einen Kredit für die Übernahme der Bäckerei zu bekommen. Mit viel Einfühlungsvermögen und dem notwendigen Groschen für das Inventar, konnten wir die Betreiber der Bäckerei dann auch überzeugen. Sie haben ein gutes halbes Jahr noch die Wohnung bewohnen können bis sie dann, ganz in der Nähe, etwas Neues gefunden haben.

Wir haben zunächst äußerst gründlich alles reinigen müssen, viele Geräte verschenkt und dann konnten wir endlich in der anliegenden Garage unsere besonderen Mühlen aus Osttirol aufbauen, die wir bis heute noch nutzen! Die alte Futtermühle haben wir der Herkules Bäckerei im Ruhrgebiet geschenkt! Einer der uralten Öfen machte auch bald schlapp, sodass wir einen neuen brauchten und da fing eigentlich schon das Ende vom Anfang an. Die Ehefrau des Hausbesitzers bekam es mit der Angst zu tun, als der neue Ofen über das Hausdach mit einem Kran wankte. Und dann war es Ihr auch zu lebhaft mit uns.

Es sprach sich sehr schnell herum, dass wir nun eine Bäckerei in Zehlendorf hatten und die Leute, die den herrlichen Brotduft gar nicht mehr gewohnt waren, klopften an unserer Ladentür. Ich belieferte immer noch die nun auch in der Stadt verteilten Bioläden: Sesammühle, Mutter Erde, Peace Food 1 und 2 und Siebenkorn! Und die tägliche 12-Uhr-Lieferung vor den drei Waldorfkindergärten, zweimal die Woche, natürlich auch.

Das wurde schnell zu viel für mich, denn nachts backen und bisschen schlafen, Tochter versorgen, Liefern fahren, Tochter abholen, Essen kochen, Bücher führen etc. Hilfe… brauchte ich und nicht nur ich, Heinz natürlich auch! Er war nun ganz allein mit meiner nächtlichen Hilfe, 16 ,18 Stunden am Werk! Die ersten, die uns halfen, waren Studenten, die aus Überzeugung mithelfen wollten! Der Tobias, er wollte Tierarzt werden, der Steffan ist heute Literaturprofessor und Torsten, nun… er ist leider am Leben gescheitert. Sie waren unsere allerersten Helfer in der Backstube. Danke!

Dann bekamen wir vom Arbeitsamt den Herrn Mattner, einen 60 Jahre alten Westfälischen Bäcker, der schwer an Diabetes erkrankt war, aber unbedingt ein paar Stunden von seiner sehr kranken Frau Abstand brauchte. Er konnte es nicht verstehen, warum wir kein Sauerteigbrot machten! Doch ließ er sich bald überzeugen und war sehr angetan von unserem milden Backferment.

Wir hatten so viel Spaß bei der Arbeit. Heute gesehen war es die schönste Zeit unserer Arbeit. Wir sind mit unseren Mitarbeitern zusammen verreist, haben oft gemeinsam bei uns gegessen, sind auch so manchen Mittag gemeinsam in die Krumme Lanke schwimmen gewesen – bis der Teig genügend geruht hatte und wir weitermachen konnten!

Langsam wurde uns klar, dass wir den Laden öffnen sollten, denn die Düfte unseres Brotes kamen bis zur Einkaufsstraße im U- Bahnhof Onkel Tom Straße! Zunächst dann nur für 2 Stunden gedacht. Doch das ließ sich kaum machen, also kamen die ersten Verkäuferinnen, Studentinnen, Hausfrauen und eine junge Vietnamesin, die ihren Chinesischen Vater erwähnte, der auch Bäcker war. Sie waren Bootspeople, 8 Kinder, wir konnten helfen. Dann die ersten Lehrlinge. Und nun waren wir dem Häuslebesitzer zu unruhig und zu lebhaft, also flogen wir dort raus!

Unser Glück kam durch die Lebensmittelaufsicht, hier war ein MENSCH, der uns sehr schätzte. Er fand einen Bäckereiladen in Wilmersdorf für uns! Und was glaubt Ihr welchen? Genau, unsere Mehlitzstraße. Allerdings musste der Betrieb völlig entkernt werden, das heißt alle Böden raus, die Wände raus und, und, und! Hierfür hatten wir noch einmal eine sehr große Summe aufbringen müssen.

Aber man kannte uns ja nun bereits und wusste, was wir auf die Beine stellen konnten! Also haben wir fast ein ganzes Jahr den Betrieb ausgebaut. Herr Horschick von der Investitionsbank und seine Sekretärin haben sich auch gerne davon überzeugt, Sie waren mit unsere besten Kunden und haben sicher auch kräftig für uns geworben!

Das ganz Besondere war nun aber, dass das Berliner Rathaus Schöneberg direkt fast um die Ecke lag und wir mit den Damen und Herren Senatoren, wie z.B. Herrn von Weizsäcker, Otto Schilly, Renate Künast, Hanna Renate Laurin und noch lange, lange Herrn Ströbele, um nur einige zu nennen, sehr bekannte Kunden hatten, die sicher auch dafür gesorgt haben, dass wir mit unserem Anliegen „das beste Brot für Berlin zu backen“, gut vorankamen!

Überraschend war aber, dass man sogar in Bonn, in der Regierung von uns hörte und so besuchten uns drei hohe Beamte und ehrten uns und unser Schaffen in einem Festakt in der Berliner Rudolf-Steiner-Schule mit dem ersten Umweltbrief, dem Blauen Engel! Herr Dr. Hassemer überreichte ihn uns. Die Aula war voll. Und wir kamen ins Fernsehen, das Team der Berliner Abendschau filmte uns. Es ist bezeichnend für uns, was dort geschrieben stand – und das gilt auch heute noch!
Wir, Mucke und Heinz wollten die Welt verbessern, helfen wo es Not tut! Zuerst die Drogensüchtigen, dann die Bootspeople und heute wieder die Asylsuchenden, sowie auch Menschen aus aller Welt, die unbedingt lernen wollen, wie gutes Brot gebacken wird.

40 Jahre sind eine sehr lange Zeit und wenn man bedenkt, dass unsere Tochter heute den Mut hat unsere Arbeit weiter zu führen, dann können wir nur dankbar sein, denn drei Kinder und einen Ehemann, der durch seine Arbeit sehr viel um den Globus reist, haben unsere Yvonne nicht davon
abgehalten, uns, Ihre Eltern bei deren Lebensleistung zu unterstützen und den Betrieb in so harten Zeiten mit all den Mitarbeitern und deren Familien weiter zu führen.

Dafür danken wir Ihr, aber auch Ihren Kindern und ihrem Mann herzlich.

Auch danken wir unseren Kunden, die uns so viele Jahre schon die Treue halten und freuen uns auf weitere Weichardt-Brot Jahre mit unseren Mitarbeitern, Kunden und Freunden.

Eure Mucke und Heinz Weichardt